
Serra da Barriga
Text von Edson,
September 2005
Als Brasilien
portugiesische
Kolonie war,
versklavten die
Portugiesen Indios
und Schwarze, die
sie aus Afrika
verschleppten. Das
Regime der Sklaverei
war
grausam. Um den
Misshandlungen zu
entkommen versuchten
die Sklaven stets zu
fliehen. Die Indios
hatten in den
meisten Fällen
Erfolg mit ihrer
Flucht,
denn sie kannten die
Wildnis wie niemand
sonst. Die Schwarzen
dagegen nicht,
sie waren ja nicht
von hier. Deshalb
suchten sie
möglichst
versteckte Orte
mit
schwierigem
Zugang. Die Orte, wo
sie sich
niederließen,
erhielten den
Namen Quilombo und
die Bewohner (die
flüchtigen
Schwarzen) waren
Quilombolos.
Der Quilombo von
Palmares war der
grösste und der
bekannteste von
allen, er
befand sich in der
Serra da Barriga (“Bergkette
zum Bauch”), die
zum Munizip
União dos Palmares,
Alagoas, gehört.
Die Serra da Barriga
befindet sich
an den
Koordinaten: Breite
Süd 9 Grad
10`198``, Laenge
West 36 Grad
05`285``, Höhe 99
Meter
Die Serra da Barriga
zu besuchen ist
etwas besonderes,
denn sie
symbolisiert
den Kampf der
Sklaven für das
Ende ihres Leides.
Eine nicht gerade
gut
erhaltene Strasse
führt hinauf zum
Gipfel. Man kann
sich vorstellen, wie
schwierig es für
die Schwarzen war
bis dorthin zu
gelangen, zu einer
Zeit
zu der es nicht
einmal einen Pfad
gab. Aber die Wahl
von Orten, die
abgelegen und
schwierig zu
erreichen waren,
geschah absichtlich,
denn so
fühlten sie sich
sicherer. Der
Berggipfel diente
auch als
Aussichtspunkt.
Sie konnten gleich
sehen, wenn sich
Feinde in der
Absicht näherten,
sie
wieder zu fangen.

Oben am
Aussichtspunkt war
meine Emotion groß.
Ich, ein schwarzer
Brasilianer, fühlte
mich in diesem
Moment wie… Ganga
Zumba, wie… Zumbi,
als
wäre ich
irgendeiner dieser
Schwarzen im Kampf,
denn hier war der
Ort der
größten Schlachten
zwischen den
Schwarzen und den
Männern, die für
die
Herren der Plantagen
arbeiteten, armen
Männern die absolut
gar nichts
dafür gewannen,
dass sie andere
Menschen
misshandelten.
Durch den Sertão
und Gegenden mit
Zuckerplantagen
Text von Janina,
September 2005
Nachdem wir Sobral
verlassen hatten,
wurden die braunen
Hügel des Sertão
zu
unseren ständigen
Begleitern. Wir
durchquerten den
Bundesstaat Ceará
Richtung Süden.
Kilometer an
Kilometer
ausgedörrter
Landschaft, Pflanzen
ohne Blaetter,
abgebrannte Felder.
Der Hals wurde
trocken nur vom
heissen
Wind. Sichtbar war
der Kampf der
Menschen um das
Überleben, sie
züchten
Ziegen und pflanzen
das wenige, was das
Klima erlaubt.
Wir hielten in der
Stadt Quixadá,
einem wunderschönen
Ort, der umgeben ist
von Felsen.
Zufällig war der
Praesident Lula
dort, um ein Projekt
zur
lokalen Entwicklung
einzuweihen. Wir
besuchten die
sogenannte Serra do
Bispo
(“Bergkette des
Bischofs”), wo
sich der
Walfahrtsort von
Maria zur
unbefleckten
Empfängnis,
Königin des Sertão
befindet. In der
Kathedrale
werden die
Schutzpatroninnen
aller
lateinamerikanischen
Länder geehrt. Man
sieht ein Bild der
Patronin und die
Fahne des jeweiligen
Landes. Ebenfalls
in Quixadá haben
wir einen Stausee
kennengelernt,
dessen
eindrucksvoller
Damm unter Dom Pedro
II (dem letzten
Kaiser Brasiliens,
Ende des 19. Jhds)
erbaut wurde. Jeder
Stein erzählt die
Geschichte der
Sklaven die hier
arbeiteten, litten
und starben.

Wenig später
gelangten wir nach
Quixeramobim, eine
Stadt, über die
Edson
eine schöne
Reportage im
Lokalfernsehen von
Fortaleza gesehen
hatte. Dort
angekommen mussten
wir feststellen,
dass es weder
Felsformationen noch
Wasserfälle gibt.
Wir lehnten das
Angebot eines sehr
netten aber leider
sehr betrunkenen
Mannes ab, in seinem
Haus zu übernachten
und setzten
unsere Reise fort.
In Juazeiro do Norte
besuchten wir das
Denkmal von Padre
Cicero, einem
Volksheiligen
Brasiliens. In der
Nachbarstadt, Crato,
hatten wir
Privatstunde mit
Betimar, einem
Geologen, der
Forschungen zu den
Fossilien
der Region macht.
Im Tal von
Carirí finden sich
die Fossilien
weltweit
bester Qualität,
nicht nur
Meeresbewohner,
sondern auch
Pflanzen und
Insekten aus Phasen,
in denen die Gegend
trocken war oder das
Süßwasser
dominierte.
Wir betraten
Paraíba in
Cajazeiras und
folgten der BR
(Nationalstrasse)
direkt zur Küste.
Wir fuhren durch die
Serra da Borborema
und die
Landschaft
veränderte sich
brüsk. Welche
Wohltat für die
Augen, endlich
wieder Grün zu
sehen! Wir
übernachteten in
Riachão do
Bacamarte, wo wir
wiedereinmal von der
Gastfreundschaft der
Nordestinos
(Brasilianer im
Nordosten des
Landes)
profitierten: Eine
ältere Dame liess
uns in einem
großen und antiken
Haus übernachten,
das sie nur benutzt,
wenn sie Besuch
bekommt. Die
Dorfgemeinschaft
empfing uns mit
großer Neugier und
Herzlichkeit.
Die nächste Nacht
verbrachten wir in
João Pessoa, in
einer Pension am
Strand. Mir hat das
Museum für sakrale
Kunst gefallen, eine
Kirche
Barockstil mit
vielen Elementen
regionaler Kunst.
Nun fuhren wir die
Küste hinunter,
stets Richtung
Süden. Die
Landschaft
wird hier von
Zuckerrohrplantagen
dominiert.



Hügel in sattem
Grün, das
Zuckerrohr bewegt
sich leicht im Wind,
einige
Zuckerraffinerien
stechen
daraus hervor. Wir
kamen an
Häusergruppen
vorbei, die antik
erschienen.
Grosse, schöne
Häuser, ganz weiss
gestrichen, breite
Alleen…Ob die
Sklavenhütte wohl
hier drüben war?
Wir hielten nicht
an, um der Frage
nachzugehen.
Während der Fahrt
versuchte ich mir
das Leben in diesem
Land
in der Vergangenheit
vorzustellen:
Reiche,
unnachgiebige
Herren, Damen, die
vom Leben ohne
Vergnügungen
gelangweilt sind,
der Schmerz und das
Leid der
Sklaven… Ich
kehrte zurück in
die Gegenwart, als
wir an einem der
zahllosen
Camps der Sem-Terra
(Landlosenbewegung
Brasiliens)
vorbeifuhren, die es
hier
gibt. Neben der
rotten Fahne der
Bewegung die Fahne
Brasiliens, in der
Mitte
zerrissen. Abends
singt Edson: “Que
país é esse…” (“Was
ist das nur für ein
Land…”) von
Legião Urbana.
In Goiana sprachen
wir mit einem
ortsbekannten
Philosophen. Herr
Luíz, 83
Jahre, erzählte uns
etwas über die
Geschichte der Stadt
und ganz
Brasiliens. Er ist
ein glühender
Verteidiger der
königlichen
Familie.
Wir lernten Olinda
kennen, eine Stadt
mit einem sehr
interessanten und
hübschen
historischen
Ortskern. Der
Versuch, Recife
kennenzulernen, war
von
wenig Erfolg
gekrönt: Es war
Sonntag, alles
geschlossen, es war
niemand
unterwegs, der uns
hätte informieren
können (das
Mädchen, das wir in
der
Touristeninformation
antrafen, hatte
leider kaum Ahnung
von der Stadt) und
die interessanten
Punkte waren sehr
weit von einander
entfernt. Wir
schafften es nicht,
eine Bank mit
funktionierendem
Automaten zu finden.
Frustiert kehrten
wir in unsere
Pension in Olinda
zurück.
Wir folgten
weiterhin der Küste
und lernten den
ersten
Nacktbadestrand des
Nordostens kennen,
Tambaba. In Palmares
trafen wir wieder
auf die BR.
Der nächste Halt
war União dos
Palmares (siehe den
Text von Edson).
Hier,
ebenso wie in einem
Dorf nahe bei Porto
Real do Colégio,
verbrachten wir die
Nacht in einer
Schule. Wie schön
ist die
Bereitschaft der
Menschen, uns zu
helfen! Wir fuhren
durch mehrere
historisch
interessante
Städte. Marechal
Deodoro, wo der
erste Präsident der
brasilianischen
Republik geboren
wurde,
enttäuschte uns ein
wenig. Laranjeiras,
bereits nah bei
Aracaju, hat
dagegen ein sehr
interessantes
Museum. Wir sahen
Folterinstrumente
aus der
Zeit der Sklaverei
und mehrere
lebensgroße Puppen,
die die Geister und
Götter des
Candomblé
(brasilianischer
Synkretismus,
Mischung von
afrikanischen,
indianischen und
christlichen
Elementen)
darstellen.
Wir lernten São
Cristovão kennen,
viertälteste Stadt
Brasiliens. In
Estância bogen wir
auf die sogenannte
Linha Verde (“grüne
Linie”) ab. Nach
der Strasse voller
LKW`s und
Schlaglöchern war
dies eine wahre
Wonne. Auf
dem Weg nach
Salvador fuhren wir
durch Praia do
Forte. Das Projekt
Tamar
kannte ich schon von
der Reise mit meiner
Mutter, aber es war
schön, die
Meeresschildkröten
erneut zu sehen.

Das Fort Garcia
D`Avila war im
vergangenen Jahr
geschlossen, aber
diesmal
lernte ich diese
sehr interessante
Ruine kennen.

Garcia D`Avila war
der Sohn von Tomé
de Souza,
dem ersten
Präsidenten
Brasiliens.
Gemeinsam mit seinem
Sohn Francisco Dias
D`Ávila erbaute er
das Casa da Torre (“Haus
des Turmes”)
zwischen 1551 und
1624. Es ist das
erste große
portugiesische
Bauwerk in
Brasilien. Es diente
als Fort und
Beobachtungspunkt,
um die Küste zu
überwachen.
Außerdem ist
es das einzige
feudale Schloss in
Amerika und war Sitz
des ausgedehntesten
Großgrundbesitzes
der Welt (800
Quadratkilometer),
der sich vom
Bundesstaat
Pará bis zur Bahia
erstreckte.

Am 9. September
kamen wir in
Salvador an. Wir
hatten ein weiteres
großes
Ziel unserer Reise
erreicht.
Salvador
und Porto Seguro
Text von
Edson, 25.September
2005
Salvador
war die erste
Hauptstadt
Brasiliens. Heute
ist die Stadt
weltweit bekannt und
Millionen Touristen
besuchen sie jedes
Jahr. Der Pelourinho,
ihr historisches
Zentrum, zieht
wegen seiner
kulturellen,
historischen und
architektonischen
Bedeutung mehr
Menschen an als die
Strände. Wie uns
Bewohner sagten,
wurde der Pelourinho
an sich (eine
Säule, an der die
Sklaven angebunden
und bestraft wurden
und der dem
historischen Zentrum
seinen Namen gab)
zerstört, weil er
nur traurige
Erinnerungen
wachrufen würde und
die Nachkommen der
Sklaven nicht
ständig an das Leid
ihrer Vorfahren
erinnert werden
wollen.


Porto
Seguro ist der Ort
an dem die
Portugiesen ankamen,
als sie Brasilien
entdeckten und war
das erste
portugiesische Dorf
Brasiliens. Wenige
Momente nach der
Ankunft betrachtete
Cabral (der
Komandant der
portugiesischen
Flotte) das Meer von
oben und sah ein
Korallenriff, das
verhinderte, dass
die Wellen mit
Gewalt in den Hafen
brachen. Deshalb
sagte er angeblich:
"Mann, das ist
ein sicherer Hafen
(um porto seguro)!"
Daher der Name der
Stadt. Cabral und
seine Männer waren
sogleich besorgt
einen Gedenkstein zu
errichten, um die
Inbesitzname des
Landes zu
dokumentieren, das
sie überfielen
(nicht
"entdeckten").
Alsbald begann die
Ausbeutung und die
Zerstörung des
atlantischen
Regenwaldes. Wenige
Tage nach der
Ankunft rodeten die
Portugiesen eine
enorme Fläche am
Strand, um die erste
katholische Messe in
Brasilien zu feiern.
Bestimmt war es für
die Indios eine
echte Show, so kurz
nach dem ersten
Kontakt mit dem
weißen Mann.
Nachdem sie die
Portugiesen
freundlich
willkommengeheißen
hatten, bekamen die
Indios als Dank
Misshandlung und
Sklaverei,
gewaltsame
Veränderung ihrer
Kultur, ihre Kulte,
Bräuche usw. Wir
besuchten den
Nationalpark Monte
Pascoal (Monte
Pascoal ist der
Berg, den Cabral als
erstes sah, als er
sich der
brasilianischen
Küste näherte). Es
führte uns ein
Mädchen aus dem
nahen Dorf, sie ist
vom Stamm der
Pataxó, spricht die
Sprache ihrer Väter
nicht, kennt ihre
Geschichte und ihre
Bräuche nicht. Sie
bezeichnet sich als
Frucht der Mischung
zwischen Indios,
Weißen und
Schwarzen. Dies sind
die Untaten, die die
Portugiesen mit den
Indios begingen, die
sie in Brasilien
antrafen. Sie
zerstörten die
kulturelle
Identität der
Mehrheit der
Eingeborenen.






Minas
Gerais
Wir fuhren durch die
Serra dos Aimorés
und betraten den
Bundesstaat Minas
Gerais in Nanuque.
Bis Teófilo Otoni
fuhren wir in
östlicher Richtung,
dann fuhren wir die
BR (Bundesstrasse)
Richtung Süden bis
Caratinga.
Dort
verließen wir die
BR Richtung Cons.
Lafaiete und
passierten die
wichtigsten
historischen Städte
des Bundesstaates,
Mariana, Ouro Preto
und Congonhas.
Anschliessend fuhren
wir die BR 040
hinunter, direkt
Richtung Rio de
Janeiro.






Wie
Edsons Text zeigt,
ließen sich die
Portugiesen, als sie
Brasilien
entdeckten,
natürlich zuerst an
der Küste nieder.
Sie brauchten jedoch
ständig mehr Land
und vor allem
Arbeitskräfte, will
sagen Sklaven.
Deshalb begannen im
XVIII. Jahrhundert
Gruppen wagemutiger
Männer, das
Landesinnere zu
erschließen. Als
diese sogenannten
Bandeirantes nach
Minas Gerais kamen,
fanden sie dort, was
jeder in den
Kolonien zu finden
hoffte: Gold und
Edelsteine. Es waren
riesige Mengen. Bis
heute ist nicht
sicher, welche
Reichtümer aus den
Minen gewonnen
wurden, die später
dem Bundesstaat
seinen Namen gaben.
Die Städte die in
dieser Zeit
gegründet wurden,
strahlen bis heute.
Stolze Häuser,
geschmückte Plätze
und vor allem
überreiche Kirchen.


Der
vorherrschende Stil
ist Barock, die
meisten Arbeiten
sind aus vergoldetem
Holz. Welches
Geschick der
Künstler
seinerzeit- und
welche Demonstration
von Macht und
Reichtum der Kirche!
Ich bewundere die
Arbeiten und weiche
zugleich zurück,
weiß ich doch, dass
der Preis für
diesen Luxus die
Entvölkerung
Afrikas und die
Ausrottung der
Indios in Amerika
war. Denn es waren
die Sklaven, die die
Minen für die
Portugiesen
ausbeuteten und in
unaussprechlichen
Situationen litten.
Während das Auge
sich in den Details
der Ornamente
verliert, schmerzt
mein Herz: Mein
Gott, Kirche sollte
nicht so sein...
Unter den
Künstlern, die in
Minas Gerais
arbeiteten, tut sich
der sogenannte
Alejadinho hervor (http://congonhas.caldeira.adv.br/).
Er ist berühmt für
seine lebendigen
Figuren. Auch
nachdem er wegen
einer unheilbaren
Krankheit seine
Hände verloren
hatte, arbeitete er
weiter, die
Werkzeuge an den
Armstümpfen
angebunden. Wir
sahen seine Werke in
allen historischen
Städten, aber die
beeindruckendste
Begegnung war in
Congonhas. Außer
den Figuren der 12
Propheten am Eingang
der Basilika stellte
er das Leiden
Christi in 7 Szenen
mit lebensgroßen
Figuren da. Die
Szenen sind so
lebendig, dass der
Betrachter sich in
sie hineingestellt
fühlt. Ich musste
mich richtig
anstrengen, um
wieder in die
Gegenwart
zurückzukehren,
nachdem ich die
Kapellen besucht
hatte, wo die
Figuren sich
befinden...

Rio
de Janeiro und São
Paulo
Text von Janina,
2.10.05
Im Bundesstaat Rio
de Janeiro haben wir
zunächst das Museu
Imperial in
Petropolis besucht.
Die ehemalige
Sommerresidenz des
portugiesischen
Statthalters in
Brasilien ist sehr
gut erhalten und
zeigt Gegenstände
aus
dem Alltag der
Familie des
Imperadoren.
Besonders
beeindruckt hat uns
die
Krone von Dom Pedro
II. Der Palast
vermittelt einen
sehr lebendigen
Eindruck
vom Reichtum, Luxus
und der Eleganz der
Kolonialzeit
Brasiliens.
In Rio de Janeiro
haben wir einen
ganzen Nachmittag
damit verbracht,
eine
Pension zu suchen.
Dabei haben wir das
Viertel St Tereza
bestens
kennengelernt. Ich
weiß nicht, wie oft
wir den Hügel rauf
und
runtergefahren sind,
stets auf der Flucht
vor den Wägen der
Stadtbahn
"bonde".