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Am 1.12.05 kamen wir nach Nicaragua. Wie in mehreren anderen Ländern auch war es etwas anstrengend, die Grenze zu überqueren. Sobald wir uns nähern, umringt eine Menschenmenge das Motorrad. Manche wollen, dass wir unser Geld bei ihnen tauschen, andere bieten ihre “Hilfe” bei der Bewältigung des Papierkrieges an und manche betteln einfach. Es ist nicht immer leicht, alle freundlich zu behandeln. Trotzdem hat es mich betroffen gemacht, eine Touristin zu sehen, die einer Bettlerin einfach ihren Müll in die Hand drückte. Wie schade, dass jemand, der reist, so wenig Respekt für die Bewohner des besuchten Landes hat.

In Nicaragua gibt es eine Menge aktive und inaktive Vulkane. Das Land ist Teil des sogenannten “pazifischen Feuergürtels”. Einige Vulkane formen sehr schöne Konen, die aus der ebenen Landschaft hervorstechen. Die Erde ist fruchtbar und das tropische Klima erlaubt in den Staaten Zentralamerikas den Anbau von Kaffee, Zuckerrohr usw. Zwei Vulkane schauten wir uns aus der Nähe an, zunächst den Vulkan Masaya. Im Nationalpark Vulkan Masaya gibt es mehrere Krater, die größten sind ein inaktiver und ein aktiver, der ständig Gase ausspeit.

Für die Indios, die die Region vor der Ankunft der Spanier bewohnten, war der Vulkan ein leicht zu verärgernder Gott. Sie brachten Opfer dar, um ihn zu besänftigen, unter anderem auch Kinder und Jungfrauen. Die Spanier dagegen fanden, dass der Vulkan der “Höllenschlund” sei und errichteten ein Kreuz, um den Teufel zu bannen.
Völlig anders als dieser ist der Vulkan San Jacinto. Es handelt sich um mehrere Erdspalten, in denen die Lava brodelt.

Leider gab es keinen qualifizierten Führer für uns, einige Kinder “passen auf”, damit die Touristen nicht in die Löcher fallen. In Zentralamerika sind Kinderarbeit und –prostitution leider leicht zu finden.


Über Nicaragua bleibt nur zu sagen, dass wir an zwei schönen Seen vorbeifuhren, dem Nicaraguasee (dem größten in Zentralamerika) und dem Managuasee. An der Hauptstadt sausten wir vorbei, weil uns mehrere Leute übereinstimmend gewarnt hatten, dass sie sehr gefährlich sei. In León zelteten wir an einer Tankstelle und am 3.12.05 kamen wir zur Grenze an Honduras. Während er auf der Suche nach einem Fotokopierer durch die Stadt rannte, verlor Edson beinahe unsere gesamten Dokumente, fand sie aber auf der Strasse wieder. Danach mussten wir nur noch warten, bis die Beamten zu Mittag gegessen hatten und schon konnten wir weiterfahren. Edson, der stets den größten Teil des Papierkrieges zu bewältigen hat weil das Motorrad auf seinen Namen läuft, war allmählich etwas gestresst von so vielen Grenzübergängen. “Warum machen die so kleine Länder?” fragte der, der aus dem fünftgrößten Land der Erde kommt.
Wir verbrachten nur eine Nacht in Honduras, in Nacaome, im besten Hotel der Stadt- mangels Alternativen. Abendessen konnten wir keines auftreiben, wir schliefen mit knurrendem Magen, aber im schicksten Zimmer, das wir auf dieser Reise bisher betreten haben. Am nächsten Tag fuhren wir bis an die Grenze mit El Salvador. Wir waren nicht ganz sicher, ob wir in das Land hineinkommen, weil wir wussten, das Edson ein Visum braucht. Man informierte uns aber sogleich, dass dieses Visum an der Grenze zu bekommen ist, es war also nicht nötig, ein Konsulat aufzusuchen. Das einzige, was wie so oft nötig war, war: Bezahlen…

El Salvador
Von Edson, 7. 12. 2005

Wir verließen Honduras und betraten El Salvador am 4.12.2005. Nachdem wir die bürokratischen Hindernisse ausgeräumt hatten, die inzwischen schon Routine für uns sind, fuhren wir ins Landesinnere. Die ersten Kilometer hatten nichts Aufregendes zu bieten. Kurz vor der> Hauptstadt baten wir an einer Tankstelle zelten zu dürfen, was uns erlaubt wurde. Am nächsten Tag fuhren wir nach El Salvador hinein. Die Stadt ist reichlich verrückt, laut und schmutzig. Die Autos verschmutzen die Luft genauso wie in La Paz, die Leute ersticken schier.

Wir nutzten die
Gelegenheit, um in der mexikanischen Botschaft mein Visum zu besorgen. Bis vor Kurzem brauchten Brasilianer kein Visum, aber aufgrund des Drucks, den die USA auf Mexiko ausübten, sind die Anforderungen jetzt die gleichen wie für ein Visum für die Vereinigten Staaten. Einkommensnachweis, Beweise für die Tonne Geld, die man besitzt usw. Die USA verursachen jede Menge Probleme, wenn jemand ihr Land betreten möchte, gibt es die größten bürokratischen Hindernisse der Welt. Der Mitarbeiter der mexikanischen Botschaft sagte uns, dass wir am nächsten Tag Nachmittags wiederkommen sollten, aber als wir morgens nachfragten, war das Visum bereits fertig. Jetzt konnten wir uns auf die Suche nach Ruinen machen. Zuerst besuchten wir Joias de Cerén, eine Ruine, die sich von den anderen deutlich unterscheidet. Im ersten oder zweiten Jahrhundert vor Christus verließen nach einem Vulkanausbruch sämtliche Einwohner das Gebiet im westlichen und zentralen Teil des heutigen El Salvador. Erst zwischen 300 und 900 nach Christus wurde das Land allmählich wieder besiedelt. Etwa 590 nach Christus brach einen Kilometer vom Dorf Joias de Cerén ein Vulkan aus. Er schleuderte große Mengen Asche und zwang die Menschen, mit nur wenigen Habseligkeiten zu flüchten. In wenigen Tagen verschwand das Dorf völlig, begraben unter vier bis sechs Metern Asche. Es blieb etwa 1400 Jahre verborgen, bis es 1976 entdeckt wurde, als ein Unternehmen sich in der Gegend niederlassen wollte.> Die zweite Ruine, die wir in El Salvador besuchten, war El Tazumal, eine Maya-Ruine aus der klassischen Periode, zwischen 250 und 900 nach Christus.


Die Pyramide ist massiv, Kulte und Opfer für die Götter wurden außerhalb zelebriert. Es gibt einen Hof, wo Menschenopfer dargebracht wurden. Priester und Krieger kleideten sich in Haut der Opfer. Dieser Kult stammt aus dem Norden Mexikos in der klassischen Periode.

Es handelt sich um den Gott Xipe-Totec, Gott der Fruchtbarkeit, des Frühlings und des Krieges. Zusammen mit Tlaloc (Gott des Regens) und Quetzalcoatl (Gott des Windes) einer der wichtigsten Götter der Mayas. Sein Fest ist Tlacaxipehualitzli im zweiten Monat des Jahres (März unseres Kalenders). Ihm zu Ehren wurden Menschen geopfert.

Von El Tazumal fuhren wir zur Grenze von Guatemala.

Von Guatemala nach Mexiko-Stadt
Von Janina, 17. 12. 05

Wir verbrachten nur zwei Tage in Guatemala, genug um das Land zu durchqueren, aber nicht, um es kennen zu lernen. Um die interessanteren Maya-Ruinen zu sehen, hätten wir leider einen großen Umweg machen müssen, also entschieden wir, direkt nach Mexiko zu fahren. Mit unseren ach so wertvollen Visa wurden wir am 9. 12. 05 ins Land gelassen. (Als der Beamte Edsons brasilianischen Pass sah, sagte er sofort “Du kannst hier nicht rein!” Er musste dann das Visum aber doch anerkennen.) Über den mexikanischen Zoll sei hier nur gesagt, dass es ausgesprochen schwierig war, ihn zu finden und dass wir für unser Motorrad 400 Dollar Kaution hinterlegen mussten. Wir machten uns also auf den Weg Richtung Mexiko-Stadt. Auf den ersten Kilometern war beinahe jede Brücke, über die wir fuhren, kaputt.

Ein Jugendlicher erzählte uns von dem Hurrikan, der diese Schäden verursacht hatte. Alsbald lernten wir auch den Unterschied zwischen mautpflichtigen und nicht mautpflichtigen Strassen kennen: Erstere sind sauteuer und zweitere eng und voller Kurven. In kurzer Zeit waren wir auf mehr als 2000 Metern Höhe. Zu unserer Überraschung lief das Motorrad gut. Wir schrieben dies dem mexikanischen Benzin zu, das wohl etwas besser ist als das der Andenländer. Wir hielten in Mitlan, wo ein qualifizierter Führer uns half, die ersten Schritte im Verständnis der Geschichte seines Landes zu tun.

Wir erfuhren, dass außer den berühmten Mayas und Azteken viele weitere Völker das Land bewohnten, das heute Mexiko ist. Die Stadt Mitlan wurde von einem Volk namens Zapoteca gegründet. Menschliche Gegenwart lässt sich ab der Periode Monte Alban II (1- 200 v. Chr.) nachweisen. Als Monte Alban als Hauptstadt verschwand (siehe unten), wurde Mitla zu einem Kontrollzentrum der Zapoteca über das gesamte Tal ausgebaut. 1421 wurde die Stadt von den Azteken eingenommen. Ihre größte Ausdehnung hatte sie in der späten klassischen Epoche (900- 1521).


Am gleichen Tag besuchten wir die Ruinen von Monte Albán, nahe der Stadt Oaxaca.

Mit ihnen lernten wir die Hauptstadt des Volkes Zapoteca kennen. Seit der Antike war Monte Albán bewohnt und ein wichtiges kulturelles Zentrum. Mindestens 16 ethnische Gruppen lebten dort vor der Ankunft der Spanier.

Monte Albán war eine der wichtigsten Städte Mesoamerikas während drei Jahrhunderten, 500 bis 800 n. Chr. Danach wurde die Stadt plötzlich aufgegeben. Die Gründe dafür sind nicht bekannt. Archäologen nehmen an, dass das Land in der Umgegend ausgelaugt war und eine Hungersnot ausbrach. Die Bewohner verließen die Stadt und gründeten neue in der Nähe.

Film von Monte Albán Mexiko


Wir übernachteten an einer Tankstelle und wurden am nächsten Morgen früh geweckt mit der Bitte, sogleich weiterzufahren. Also frühstückten wir auf halbem Weg, schon mitten in den Bergen.

Wir verbrachten den ganzen Tag auf dem Motorrad und kamen abends nach Puebla. Zum ersten Mal hatten wir an den Tankstellen kein Glück, gleich zweimal wurden wir abgewiesen. Ein Sicherheitsbeamter erklärte uns, dass unser Zelt einen “Skandal” heraufbeschwören würde. Als wir das hörten, beschlossen wir, die Nacht lieber im Hotel zu verbringen.


Am nächsten Tag lernten wir die Ruinen von Cholula kennen. Es handelt sich um eine wichtige pre-hispanische Stadt, die bis in unsere Zeit ununterbrochen bewohnt wurde. Im Erdreich finden sich Zeugen der ersten sesshaften Bewohner, die hier ca. 500v.Chr.am Rande von damaligen Lagunen lebten. Während der klassischen Periode (0 bis 850 n. Chr.) bauten das Volk der Choluteca die sogenannte grosse Pyramide, ein eindrückliches Monument mit einer Seitenlänge von 350m und einer Höhe von 66m, das in seinem Inneren unzählige andere Bauwerke birgt.

Choluteca: Dieser Altar wurde gebaut, nachdem die große Pyramide bereits verlassen war. Es fanden sich Schädel von Kindern, die hier enthauptet wurden. In der Religion der Choluteca waren die Kinder Boten, die Tlaloc, den Gott des Regens, um Regen bitten sollten.


Am späten Nachmittag erreichten wir Mexiko-Stadt. Es gelang uns, in einem halbwegs preiswerten Hotel unterzukommen. Am nächsten Tag machten wir uns daran, die Stadt zu entdecken. Im historischen Zentrum findet sich neben den Bauten der Spanier die Ruine des “grossen Tempels”, die an die ehemalige Hauptstadt der Azteken, Tenochtitlan, erinnert.

Museum des großen Temples, Mexiko-Stadt: Statue von Mictlantecuhtli, Gott des Todes. Der Mythologie der Azteken zufolge wohnt er zusammen mit seiner Frau an einem dunklen Ort ohne Ausweg. Dorthin kommen die Seelen der Menschen, die an Krankheit oder Alter sterben, nach einer vierjährigen Wanderung voller Hindernisse und Gefahren. Die Seelen der in der Schlacht gefallenen Krieger gelangen dagegen in den Himmel.

Das Reich der Azteken erstreckte sich vor der Ankunft der Spanier auf das gesamte heutige Mexiko. Tenochtitlan wurde 1325 auf einer Insel im See Texoco gegründet. Die Spanier zerstörten die Stadt völlig und nutzten die Steine der Tempel und Paläste beim Bau ihrer eigenen Kirchen und Häuser.
Wir verbrachten einen ausgesprochen unerfreulichen Nachmittag am Flughafen in dem Versuch, etwas darüber in Erfahrung zu bringen, wie wir unser Motorrad nach Europa bekommen. Wir rannten kreuz und quer durch den< Flughafen ohne irgendein Resultat, dank einer Menge von Menschen, die von
nichts eine Ahnung hatten, uns aber fleißig ans andere Ende des Flughafens schickten. Schließlich standen wir vor dem Schalter zweier Zollbeamten und erfuhren, dass wir dort auf keinen Fall durchkönnten- ohne dass wir herausbekommen konnten, wo wir denn bitte dann hingehen müssten. Ganz schön schwierig, ein Motorrad nach Europa zu verfrachten!

Mexiko: Von Mexiko-Stadt bis zum Tor von Yucatán

Von Janina, 29. 12. 05 

Von Mexiko- Stadt aus fuhren wir Richtung Vera Cruz, einem der großen Häfen Mexikos, um etwas über Schiffspassagen nach Europa herauszufinden. Wir hielten in Tlaxcala, um die Ruinen Cacaxtla und Xochitecatl anzuschauen. Die Koordinaten des Ortes sind: N 19º14’631’’ W 98º20’942’’ Höhe 2365m.

Die Stadt wurde von einer kulturellen Gruppe mit dem Namen Olmeca- Xicalanca bewohnt, die etwa 600 n.Chr. von der Küste des Golfes von Mexiko in die Region kam. Ca 1100 n. Chr. wurden sie von einer anderen Gruppe vertrieben, die unter dem Namen Tolteca Chichimeca bekannt ist. In dieser Zeit geschahen in ganz Mesoamerika wichtige Veränderungen. Migrationen zerstörten gesellschaftliche Ordnungen, die seit Jahrhunderten bestanden hatten. Im archäologischen Komplex Cacaxtla sind mehrere bemalte Wände erhalten. Ich war sehr beeindruckt von der Lebendigkeit und Ausdruckskraft dieser antiken Bilder.

Die spanischen Eroberer errichteten ein Kreuz mitten im religiösen Zentrum der Olmeca Xicalanca. Respektlos.

In Vera Cruz lief ich einen Tag lang kreuz und quer durch die Stadt, während Edson mit Kopfschmerzen im Bett lag. Ich sprach mit Leuten vom Zoll, von Frachtschiffunternehmen, Reisebüros und Luftfahrtlinien… Am Ende fand ich bestätigt, was wir schon vorher wussten: Von Miami gibt es Kreuzfahrtschiffe nach Europa -eine komplizierte und teure Option. Von Vera Cruz aus fahren nur Frachtschiffe, die das Motorrad, nicht aber uns mitnehmen könnten. Das Motorrad in ein Flugzeug zu verladen wäre wohl theoretisch möglich, ist aber teuer. Allerdings wäre die Möglichkeit des Frachtschiffes auch nicht gerade billig… Wir beschlossen, die Frage hintanzustellen und erst einmal Richtung Cancun zu fahren, um die Mayaruinen auf der Halbinsel Yucatan kennenzulernen. In den folgenden Tagen fuhren wir viel und hielten nur selten an. Die Distanzen in Mexiko sind groß und es gab wenig zu sehen. Wir versuchten, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, die Mautstrassen zu umgehen. Erstens ist die Maut höher als in allen anderen Staaten Amerikas durch die wir gefahren sind und zweitens haben die Straßenbaugesellschaften hier die Angewohnheit, die Strasse nur ca. 5 Kilometer vor und nach der Mautstelle in Ordnung zu halten. Der Rest der “Autobahn” ist voller Löcher, was um so gefährlicher ist, als trotzdem jeder mit hoher Geschwindigkeit fährt. Um Problemen mit Touristen vorzubeugen, die sich vielleicht beschweren könnten, gibt es an jedem Mauthäuschen einen Wachmann, der sogleich mit einer riesigen Waffe vor dem Fahrzeug Stellung bezieht. Kurz nach der Stadt  Minatitlan besuchten wir “La Venta”.

Wir fanden ein Museum mit riesigen Steinskulpturen vor, die ein Volk namens Olmeca hergestellt hat. Die Kultur Olmeca wird als die “Mutter” aller Kulturen Mesoamerikas angesehen. Die Olmecas lebten in La Venta zwischen 1200 und 400 v. Chr. Ihre Herkunft ist unbekannt, sie hatten typisch afrikanische Nasen und Lippen, aber chinesische Augen. Am Ausgrabungsort (den wir wegen des Regens nicht besuchen konnten) findet sich ein Gebäude aus Lehm, das an einen Hügel erinnert, und ein Grab mit riesigen Basaltsäulen.

Die Olmecas verschwanden ohne Hinweise über die Gründe zu hinterlassen. Erst fünf Jahrhunderte später kamen die Mayas in die Region. Weihnachten rückte näher. Auf der Suche nach einem schönen Ort, um die Festtage zu verbringen, fuhren wir am 23. 12. bis in die Nacht hinein. Am 24. mussten wir leider feststellen, dass wir mit der Ciudad del Carmen eine denkbar schlechte Wahl getroffen hatten. Der Strand war, vor- wie nachmittags, völlig verlassen und außerdem wenig gepflegt. Es schien geradezu, dass hier niemand gerne am Meer war. Die Stadt an sich ist hässlich. Wir verbrachten also den größten Teil des Tages in der Pension. Mit jeder Stunde die verstrich, drehte der Besitzer des Hotels die Musik lauter. Als es Nacht wurde, war der Lärm unerträglich. Wir suchten den Besitzer auf und trafen ihn reichlich betrunken an. Er jammerte, wie wichtig dieses Fest sei und er sei völlig allein… Immerhin stimmte er Edsons Vorschlag zu und gab uns ein Zimmer am anderen Ende des Hofes. So konnten wir wenigstens in Ruhe schlafen. Am nächsten Morgen waren wir froh, die Stadt zu verlassen. Leider fühlten sich einige Polizisten genötigt, uns den Tag sogleich zu verderben. Sie kontrollierten ein Auto mitten auf einer Brücke. Einer von ihnen machte uns Zeichen, vorbeizufahren. Wenige Sekunden später erschien ein anderer und winkte uns, zu halten. Er sagte, ich hätte die Geschwindigkeitsbegrenzung übertreten und das würde die Brücke beschädigen. Sein Vorgesetzter zückte sogleich Kuli und Formular und begann, einen Bericht aufzusetzen. Mit uns sprach er nur im Kommandoton. Er bestimmte, dass wir nach Ciudad del Carmen zurückfahren müssten, um 2000 Pesos zu bezahlen (in der Zwischenzeit wollte er unsere Pässe einbehalten), oder ihm sofort 1000 Pesos geben. Wir waren reichlich sauer über diese alberne Drohung, die ganz offensichtlich erfunden wurde, um an den Touristen ein kleines Taschengeld zu verdienen. Um unsere Situation nicht zu komplizieren, bezahlten wir, nachdem Edson eine kleine Ewigkeit herumdiskutiert hatte, 400 Pesos und fuhren weiter.

Wir lernten Campeche kennen, ein Ort mit einer schönen spanischen Altstadt. Da wir kein Hotel mit Garage fanden, verließen wir die Stadt am späten Nachmittag. Ein weiteres Mal fuhren wir bis in die Nacht hinein und kamen schließlich in ein Dorf namens Hopelchen, wo wir uns einmieten konnten. Dort war Markt und das Dorf war voller weißhäutiger Menschen in traditioneller, offenbar europäischer Kleidung. Ich wurde sofort neugierig, aber als wir das Hotel verließen, waren die meisten bereits aufgebrochen. Wir trafen einen jungen Mann, der uns in gebrochenem Spanisch erklärte, dass seine Verwandten 1921 von Kanada eingewandert waren und deren Ahnen aus Holland kamen. Ich versuchte auch, mich mit einer Frau zu unterhalten, aber sie sah uns nur sehr erschreckt an und senkte den Blick. Ihr Ehemann bestätigte, was uns der junge Mann gesagt hatte. Er verstand, was ich in Deutsch sagte, antwortete aber in Holländisch. Edson fand es erschreckend, dass der Mann uns, als er hörte, dass ich aus Deutschland bin, nur mit einem konfusen Blick bedachte und sagte: “Ah, Deutschland… Das ist wohl sehr weit, oder nicht?” Offensichtlich hatte er keine Ahnung, von wo seine Vorväter gekommen waren. In den nächsten Tagen sprachen wir noch öfter über das Thema Migration. Bräuche, die im neuen Land keinerlei Sinn machen, werden über Generationen aufrechterhalten und die Menschen bleiben gefangen zwischen gestern und heute, ausgeschlossen aus dem Herkunfts- genauso wie aus dem Einwanderungsland. Von Hopelchen gelangten wir am nächsten Tag ans Tor der Halbinsel Yucatan.

Von Hopelchen fuhren wir direkt in den mexikanischen Bundesstaat Yucatan
hinein. Wir lernten die sogenannte Region Puuc kennen, die sich im Südosten
Yucatans befindet. Sie war der nördliche Teil des Mayareiches und während
dieser Zeit dicht besiedelt. Heute wird sie als der “Garten” des Reiches
betrachtet, weil die Täler sehr fruchtbar sind. Dort finden sich unzählige
Ruinen aus den Jahrhunderten 700 bis 1200 n. Chr. Es handelt sich nicht nur
um religiöse Zentren, sondern um ganze Städte, die auf eine strikte soziale
Ordnung hinweisen. Eine soziale Gruppe, die ihren Machtanspruch auf
Erbrechte gründete, kontrollierte den gesamten Handel und stellte die
Mittler zwischen dem Volk und den Göttern.
In der Region Puuc besuchten wir:
• Die Grotte X’Tacumbilxuna’an, oder Grotte der versteckten Frau. Für die
Mayas waren die diversen Höhlen der Region Eingänge in die Unterwelt.
Deshalb waren sie Pilgerstätten und Orte heiliger Handlungen. Personen, die
sich gegen die bestehende Ordnung vergingen, wurden damit bestraft, dass sie
eine bestimmte Zeit in der Höhle verbringen mussten, nahe den Geistern und
Gottheiten, die laut dem Glauben der Maya diese Orte besuchten.

• Sayil: Eine der grossen Städte der Region Puuc. Sie erreichte eine
Ausdehnung von mindestens 3,5 Quadratkilometern. In ihrem Zentrum lebten 10
000 Menschen und weitere 7000 in den « Vororten », kleineren Siedlungen, die
von Sayil abhängig waren.

Multifunktionaler Bau der politischen Elite, der bis zu 350 Personen Platz bot. Ruinen Sayil, Mexiko.

 Südpalast der Ruinen Sayil, Mexiko

• Labná: In Labná gibt es Beweise für menschliche Besiedelung seit dem
Beginn unserer Zeitrechnung, die sichtbaren Strukturen stammen jedoch alle
aus der Epoche der Maya. Es lebten etwa 1500 bis 2000 Menschen dort.

 Ruinen Labná, Mexiko

• Uxmal: War die wichtigste Stadt Puucs. Mit 20 000 Einwohnern dominierte
Uxmal die gesamte Region.

Von Puuc aus fuhren wir nach Merida. Dort suchten wir das Konsulat Kubas auf
und wurden informiert, dass wir kein Visum für die Einreise nach Kuba
bräuchten. Es würde jedoch schwierig werden, eine Möglichkeit zu finden, die
karibischen Inseln zu besuchen und unser Motorrad mitzunehmen. Wir vertagten
unsere Entscheidung bis Cancun und fuhren weiter, um die Mayaruinen von
Chinchen Itza kennen zu lernen.
Diese Stadt war das Machtzentrum der Mayas auf der Halbinsel Yucatan. Sie
gelangte zu solchem Glanz und Ruhm, dass die Erinnerung daran noch lebendig
war, als die Spanier Mexiko eroberten. Ihre wunderbar erhaltenen Reste sind
Zeugen der außergewöhnlichen künstlerischen und architektonischen
Leistungen ihrer Bewohner. Das berühmteste Bauwerk ist eine riesige Pyramide
mit 4x91 Stufen und einer großen Plattform. 4x91+1= 365, für die
Archäologen der Beweis, dass die Mayas unseren heutigen Kalender kannten.
Edson gefiel die Pyramide so sehr, dass er gleich mehrmals hochkletterte und
überhaupt nicht mehr herunterkommen wollte.

Besonders bemerkenswert ist dass die Spieler, die als Helden aus dem Spiel hervorgingen, hinterher den Göttern geopfert wurden, um als Boten zu fungieren.

Von Chinchen Itza fuhren wir nach Cancun. Schließlich und endlich waren wir
an einem Punkt angekommen, an dem wir entscheiden mussten, wie wir unsere
Reise fortsetzen würden. Wir klapperten mehrere Reisebüros ab und erfuhren,
dass von es Mexiko nur Flugzeuge zu den karibischen Inseln gibt und nicht
wie wir gehofft hatten Schiffe oder Fähren. Um die Situation mit dem
Motorrad nicht zu komplizieren beschlossen wir, lieber eine Möglichkeit zu
suchen, direkt Richtung Europa zu fahren. Nach langen Beratungen, vielen
verworfenen Plänen, Nachforschungen im Internet usw. entschieden wir uns,
eine Schiffspassage Costa Rica- Deutschland zu kaufen. Das Schiff sollte am
20.1.06 abfahren, was bedeutete, dass wir eilends aus Mexiko aufbrechen und
durch Zentralamerika zurückfahren mussten. Bevor wir die Reise antraten,
verbrachten wir aber noch einen vergnügten Abend im Haus eines Motorradfans,
der uns eingeladen hatte, seine Freunde kennen zu lernen. Er arbeitet als
Journalist und überraschte Edson, indem er sagte: “Ach ja, wie schade,
Ronaldinho wird nicht beim Weltcup dabei sein, nicht wahr?” “Wie bitte, er
wird nicht dabei sein?” fragte Edson verblüfft. “Nein, er hat sich vorgestern
bei einem Spiel verletzt.” “Vorgestern? Aber es spielt doch im Moment gar
nicht, er hat Ferien!” “Ferien? Bist du sicher?... Warte mal... Also nein!
Vorgestern war der Tag zum Schwindeln in Mexiko! Mein Kollege hat mich
reingelegt!” Da war das Gelächter natürlich groß...