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Von Cancun nach Puerto Limon

Von Janina, 28.1.2006

Nachdem wir uns entschieden hatten, von Puerto Limon mit dem Schiff nach Europa zu fahren, mussten wir uns ziemlich beeilen, um fast ganz Zentralamerika bis zum 20.1.durchquert zu haben. Von Cancun fuhren wir am ersten Tag beinahe die ganze Halbinsel Yucatans hinunter. Von einem Franzosen, den wir an einer Tankstelle trafen, wurden wir eingeladen die Nacht in seinem Haus in Chetumal zu verbringen. Das Abendessen mit seiner Familie, die eine wilde Mischung aus Englisch, Französisch , Spanisch und Portugiesisch spricht, war sehr lustig. Wir bauten unser Zelt im zweiten, noch nicht ganz fertiggestellten Stock auf und verbrachten die Silvesternacht in einer ruhigen und herrlich kühlen Umgebung. Am nächsten Tag fuhren wir bis an die Grenze nach Belize, aber am ersten Januar war der Zoll geschlossen. Um den Tag nicht mit Nichtstun zu verplempern, beschlossen wir, dann lieber Richtung Guatemala zu fahren. An dem Tag, an dem wir Mexiko verließen, blockierten nur wenige Kilometer hinter der Grenze Indios die Landstrasse. Von einem Taxifahrer hörten wir, dass es eine Möglichkeit gab, die Blockade zu umfahren. Gemeinsam mit drei Polizisten, die ebenfalls per Motorrad unterwegs waren, bogen wir in einen abenteuerlichen Feldweg ein. Die Polizisten, ohne Gepäck und mit deutlich größeren Motorrädern, verschwanden alsbald aus unserem Sichtfeld. Da waren wir also, auf einer schrecklich schlechten Strasse, voller Kurven, steilen An- und Abstiegen und jeder Menge Staub. Das Motorrad kam einige der Steigungen mit all dem Gewicht gar nicht hinauf und so stieg ich ab, um zu Fuß hinter Edson herzulaufen. Es war furchtbar heiß und sehr weit und Edson musste alle paar Meter auf mich warten. Also beschloss ich, lieber per Anhalter zu fahren. Ich starb fast vor Angst in dem Auto mit drei fremden Männern und Edson sah mich auch nur besorgt an, als wir an ihm vorbeifuhren und ich ihm Handzeichen gab. Aber die drei waren sehr nett und ohne diese Entscheidung wäre es ausgesprochen schwierig geworden, die andere Seite des Berges zu erreichen, wo wir wieder auf die geteerte Landstrasse trafen. Wieder ein Abenteuer gut überstanden!

An der Grenze zu El Salvador hätten wir fast einen riesigen Umweg gemacht, merkten es aber noch rechtzeitig. Wir verbrachten einen Vormittag in San Salvador in der französischen und der deutschen Botschaft, um mehr über die Einreisebestimmungen für Edson in Europa in Erfahrung zu bringen. Es war lustig und auch ein bisschen seltsam, auf dem gleichen Weg zurückzufahren, den wir einen guten Monat vorher gekommen waren. Mehrmals trafen wir Leute, die sich an uns erinnerten. In San José übernachteten wir im gleichen Hotel wie auf dem Hinweg. Wir wurden freudig begrüßt und begannen, unsere Seereise vorzubereiten. Es waren verschiedene Einkäufe zu tätigen und außerdem mussten wir das Büro der Firma „Del Monte“ aufsuchen, die für die Verladung der Waren auf unserem Schiff „Segovia Carrier“ zuständig ist. Wir bekamen eine Menge Papier und so vage Informationen, dass wir beschlossen, lieber so bald wie möglich nach Puerto Limon aufzubrechen.

Die Berge rund um San José sind wunderschön, dicht mit Regenwald bestanden und sehr kühl. Nach einer ausgesprochen hübschen Fahrt kamen wir nach Puerto Limon. Zu lösen war das Problem: Wie bekommen wir das Motorrad in eine Holzkiste verpackt zum Hafen und wer meldet es beim Zoll ab? Das war nicht ganz einfach, weil schlichtweg niemand wirklich Bescheid wusste. Ein Morgen voller Diskussionen beim Zoll ergab, dass wir uns um Hilfe an Del Monte in Puerto Limon wenden sollten. Dort verbrachten wir eine halbe Stunde im Regen vor dem Tor, weil der Wachmann niemanden hereinließ. Die vom Zoll genannte Person erschien schließlich und bat sogleich um Entschuldigung, dass sie uns nicht helfen könne: „Ich exportiere nur Bananen und Ananas. Mit Motorrädern kenne ich mich nicht aus. Da müsst ihr am Zoll fragen.“ Vielen Dank für die Blumen…

Schließlich machten wir einen Herrn Torres ausfindig, der (für gutes Geld versteht sich) unser Problem lösen wollte. Wir verbrachten den Rest der Woche halbwegs ruhig in unserer Pension über einer Autowerkstatt. Ab und an kontrollierten wir Herrn Torres Arbeit, wir wuschen unsere Klamotten und gingen an den Strand.

Am 20.1., nachdem wir erneut eine Ewigkeit vor dem Büro von Del Monte gewartet hatten, fuhren wir zum Hafen „Moim“. Dort wartete schon die Segovia Carrier. Wir ließen unsere Koffer in der großen und komfortablen Kabine und nutzten dann unseren letzten Tag in Amerika, um noch einmal an den Strand zu gehen.

 

Seit 20.1.2006 unterwegs von Puerto Limon (Costa Rica) mit Bananendampfer nach Hamburg.

Die Eroberung des Atlantischen Ozeans
Von Edson, 25. 2. 06
Am Nachmittag des 20.1.06 betraten wir, nach mehreren Tagen in Puerto Limón, schließlich das Frachtschiff, das auch einige Passagiere mitnimmt. Unser Ziel war Deutschland, aber zunächst mussten wir den Atlantischen Ozean überqueren, ausgerechnet von einem der Punkte Amerikas aus, die von Europa am weitesten entfernt sind. Wir befanden uns ja auf dem zentralamerikanischen Isthmus, genauer gesagt in Costa Rica. Als Kind sprach ich immer über lange Reisen und hielt dabei die Reise per Schiff für die schlechteste Möglichkeit, denn im Falle eines Unglücks wäre der Tod sehr schrecklich während er bei einem Flugzeugabsturz quasi sofort einträte. Trotzdem war für die Reise nach Europa das Schiff das beste Transportmittel, auch wenn ich stets Angst vor ihm hatte, besonders weil ich als Kind fast ertrunken wäre. Jetzt war ich nicht mehr ängstlich, es machte mir Mut, dass Janina so gern mit dem Schiff fahren wollte.

   Puerto Limon
Am nächsten Morgen gegen 6.00 Uhr legte das Schiff endlich ab. Ich war sehr aufgeregt, aber das Schiff musste auf der anderen Seite des Hafens noch Container aufladen. Es konnte dort nicht in den Hafen fahren, weil gerade andere Schiffe beladen wurden. Wir mussten den ganzen Tag und die Nacht warten, bis wir am nächsten Morgen schließlich losfuhren. Erst Stunden später überwältigten mich die Emotionen, als ich das blaue Wasser des Meeres sah, denn nun wusste ich, dass wir bereits über das tiefe Wasser des geliebten Atlantiks fuhren. Das ist derselbe Ozean, der an alle Küsten Brasiliens rollt, deshalb respektiere und mag ich ihn so.
Alles war wunderbar, als wir drei Tage später das wilde Gesicht des Atlantiks zu sehen bekamen. Das Meer war aufgewühlt, das Schiff schwankte stark und ich machte Bekanntschaft mit der Seekrankheit: Übelkeit, Schwäche, Erbrechen, Hunger ohne Appetit. Zwei Tage später war ich „geheilt“. Janina drohte einige Tage darauf ebenfalls krank zu werden, aber es blieb bei der Drohung.

 

Mein in Brasilien gemachter Reiseplan beinhaltete, Cuba und Jamaika kennenzulernen, aber dies war leider nicht möglich gewesen. An einem gewissen Morgen sagte uns einer der anderen Passagiere, der Deutsche Wolfgang, morgens gegen drei Uhr habe er Jamaika gesehen. Ich war etwas traurig, weil ich die Insel nicht auch gesehen hatte. Am folgenden Tag fuhren wir zwischen Haiti und Cuba hindurch, konnten aber nur einen Zipfel der so genannten Insel Fidels sehen. Wir reisten fünf Tage lang und sahen nichts als Wasser um uns herum, weder Inseln noch ein anderes Schiff. Von den Azoren, an denen wir nah vorbeifuhren, konnten wir wegen des bewölkten Himmels fast nichts sehen.


Im Ärmelkanal war das Wasser ruhiger und wechselte die Farbe. Ich war sehr gespannt, voller Freude, weil ich wusste, dass bald Land in Sicht kommen würde. Der erste Halt war Dover, in England. Wir hatten dem Kapitän mitgeteilt, dass wir an Land gehen wollten, um die Stadt kennen zu lernen und natürlich um uns auszuruhen. Schließlich waren wir seit fast zwei Wochen auf dem Meer unterwegs und sehnten uns danach, festen Boden unter die Füße zu bekommen. Der Kapitän sagte uns, dass Agenten der britannischen Polizei an Bord kommen würden, um mich über meinen Besuch in England zu befragen, einfach weil ein Brasilianer käme und was könne jemand aus einem unterentwickelten Land schließlich in England wollen, etwa Arbeit suchen? Es begannen die frechsten, respektlosesten und voreingenommensten Fragen, die mir jemals jemand gestellt hat. Warum willst du in England von Bord gehen? Was wirst du in der Stadt machen? Auf welche Weise machst du diese Reise? Hast du Geld? Wie viel? Ich will deine Kreditkarte sehen. Hast du in Brasilien eine Anstellung? Wie viel verdienst du? Wann fährst du zurück? Er schrieb sich alles auf und flüsterte dann mit seinem Kollegen, aber Janina verstand sehr gut, was sie sagten:“ Na, was machen wir mit dem?“ „Ach, stempel ruhig den Pass und lass ihn gehen, seine Freundin nimmt ihn mit nach Deutschland und das geht uns dann nichts mehr an.“ Sie stempelten meinen Reisepass und erhoben sich, aber als sie schon zur Tür raus wollten, sagte ich: „Einen Moment bitte“ und sie drehten sich um. Ich fragte nach dem Grund für derart viele indiskrete Fragen. „Ah, “sagte einer der Agenten, „Brasilien ist nicht in der Europäischen Union, deswegen.“ Ich bestand auf einer besseren Begründung, meiner Information nach bräuchten Brasilianer kein Visum für England. „Trotzdem musst du deinen Besuch anmelden.“ „Wem denn? “fragte ich.“ Eure Botschaft in Brasilien hat mir das nicht mitgeteilt.“ Daraufhin schwiegen beide. Ich sagte ihnen, dass Brasilien andere stets mit offenen Armen empfängt, es sei übrigens sehr schön, ich empfähle ihnen, es zu besuchen. Sie wussten kaum mehr was zu sagen, einer murmelte: „Ach, das ist doch so weit.“
Einige Anmerkungen zu der Feststellung, Brasilien sei nicht in der Europäischen Union: Die USA sind es auch nicht, trotzdem verneigen sich alle vor ihnen und keiner hat den Mut, ihnen ein Nein auf den Kopf zuzusagen, es ist schon wie ein intellektuelles Gefängnis, in dem nur die wirtschaftliche Macht zählt. Die USA verursachen anderen Ländern, in denen sie natürliche Ressourcen entdecken, enorme Schwierigkeiten, manchmal besetzen sie sie sogar mit der Begründung, das Volk befreien oder die Natur schützen zu wollen. Letzteres kann man zum Beispiel im Amazonasgebiet sehen. Irgendjemand muss endlich mal „ Basta!“ sagen.
Gemeinsam mit den Franzosen sind die Engländer großenteils verantwortlich für das Elend in Afrika. Sie schafften es, dass die Stämme Afrikas einander bekriegten, während sie die Schätze einsammelten, um Britannien zu bereichern. Heute ist Afrika aller seiner Schätze beraubt, sie finden sich in Museen in Frankreich und besonders in England. Die Völker, denen diese Schätze gehörten, müssen, wenn sie etwas davon wiederhaben möchten, dafür bezahlen. Diese Stämme waren zwar Rivalen, was unter Menschen normal ist, lebten aber halbwegs in Frieden und kamen ohne Grenzen aus. Durch die Mitschuld der Engländer leben diese Völker heute in größerer Feindschaft als jemals zuvor. In Südafrika wurde zum Beispiel in modernen Zeiten das System der Apartheit geschaffen, Weiße hatten die Macht und vermieden jeden Kontakt mit den Schwarzen. Die schwarzen Eingeborenen, die wahren Herren des Landes, fanden sich in ihrem eigenen Zuhause ohne jede Rechte wieder. Bis heute kämpfen sie um die Wiedergewinnung ihrer Würde.
Schließlich durften wir also Dover besuchen, eine Stadt, die nicht nur wegen ihres Hafens bekannt ist, sondern auch wegen ihrer weißen Kreidefelsen und ihrer mittelalterlichen Burg, die seit ihrer Gründung als wichtige Verteidigungsanlage diente, etwa gegen Napoleon und im Zweiten Weltkrieg. Im Untergrund gibt es eine Menge geheime Gänge, ein Krankenhaus, um Kriegsverletzte zu behandeln und Räume, in denen Attacken und Gegenattacken geplant wurden. Heute ist die Burg von Dover ein Museum, bei dessen Besuch man viele Teile der europäischen Geschichte aus der Nähe kennenlernen kann.

 

Der nächste Halt des Schiffes war Antwerpen, ebenfalls eine historisch interessante Stadt, dort gab es keinerlei Probleme, ins Land zu kommen.
Schließlich kamen wir in Hamburg in Deutschland an. Hier gab es ebenfalls keine Probleme, der Beamte notierte lediglich Janinas Adresse und machte den folgenden Kommentar: „Schaut, ich sehe kein Visum in seinem Reisepass, es wäre also nett, wenn er in drei Monaten die EU wieder verlassen würde, ok?“ So begann also mein Abenteuer Europa, mit viel Schnee, das Motorrad rutschte sehr stark. Wir verbrachten eine Nacht im Hotel und am nächsten Tag fuhren wir zu Janinas Freundin Astrid.   

 

    

Einige Tage später nahmen wir den Nachtzug von Hamburg nach München, wo Herr Ruhmann uns erwartete, um uns mit nach Miesbach zu nehmen, Janinas Stadt. Es war ein ganz besonderer Moment für mich, die Familie in Miesbach, der „Stadt des Schnees“ kennenzulernen. Dies war sehr wichtig für einen Geografielehrer, der aus einer heißen Region Brasiliens kommt, die Küste des Landes fast in ihrer ganzen Länge befahren hat, das kühle Klima im Süden Brasiliens kennengelernt hat, die Hitze des Pantanal im Mato Grosso do Sul, die Kälte der Anden, erneut Hitze in Zentralamerika, kaltes Wetter in den hohen und relativ weit nördlich gelegenen Bergen Mexikos, die starke Sonne auf hoher See und schließlich den eiskalten Winter in Europa. Solche Erfahrungen möchte jeder Lehrer für Sozialwissenschaften, Naturwissenschaften und vor allem Geografie gerne machen.