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2007_10
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Wieder in Deutschland (Text von Edson, Oktober 2007) Nachdem ich mich eine Weile in Brasilien ausgeruht hatte, kehrte ich mit dem Ziel nach Deutschland zurück, zu studieren. Das stellte sich als nicht so einfach heraus, weil Deutsch für mich die erste Fremdsprache ist, die ich lerne. Ich meine, die erste, bei der ich auch wirklich die Grammatik lerne, denn Spanisch habe ich ja gelernt, indem ich irgendwie mit den Leuten gesprochen habe, die ich auf unserer Reise durch Lateinamerika getroffen habe. Jedes Mal, wenn Janina einige Tage nicht arbeiten muss, machen wir kleine Ausflüge in die Umgebung. Es ist sehr praktisch, dass wir im Süden Deutschlands wohnen, so ist es einfach, auch in die Nachbarländer zu fahren, nach Frankreich, in die Schweiz, nach Österreich etc. Die Region in der ich hier lebe gehört schon zu den Alpen, eine fantastische Gegend für jemand, der sich für geophysische Phänomene interessiert, denn geologisch ist sie sehr wichtig. In der Eiszeit bewegten sich hier riesige Eismassen, die große Mengen Gestein mitschleiften und zurückließen. Bis heute findet man hier in der Region Felsblöcke von mehr als 2 Kubikmeter Größe, die vom Eis geschliffen und irgendwo zurückgelassen wurden.
Unter den verschiedenen Ausflügen stechen der Besuch des preußischen Königsschlosses Bellevue, des Olympiastadions in Berlin und der Stadt Berlin an sich besonders hervor. Seit Berlin nach dem 2. Weltkrieg wieder aufgebaut wurde, scheint es niemals fertig zu werden, es entsteht Bauwerk um Bauwerk. Eine fantastische Stadt.
Stets nähren wir den Wunsch nach einem neuen Abenteuer, hoffentlich in nicht allzu ferner Zeit. Wir wissen noch nicht wo wir anfangen sollen, ob wir durch den Norden Brasiliens fahren, nach Afrika oder durch Europa. Bereits eine ganze Weile diskutieren wir auch das Transportmittel, ob wir wieder mit dem Motorrad fahren sollen oder diesmal mit einem Fahrrad. Es müsste eines sein, bei dem wir beide gemeinsam treten können, weil Janina Probleme mit den Knien hat. Völlig klar, dass ich allein treten werde, wenn sie Schmerzen hat. Ein Tandem, das wir ausprobiert haben, lehnte sie sofort ab, weil sie genauso viel Kraft einsetzen muss wie ich. Wir sind mit dem Auto bis Freiburg gefahren (etwa 400 km) um ein anderes Tandem auszuleihen, ein neues Modell, das aufgrund seiner Aerodynamik auch von nur einer Person gut bewegt werden kann. Es ist super, weil derjenige, der vorne sitzt, es wirklich sehr gemütlich hat, er sitzt in einem bequemen Sitz, in dem man sogar schlafen kann. So hat es Janina gemacht, als wir aus Frankreich zurückkamen. Wenn man nicht treten will, tritt man nicht, man kann einfach die Füße auf den Pedalen abstützen, denn die Mechanik des Fahrrads erlaubt es, dass diese sich nicht bewegen. Wir sind etwa 200km mit diesem neuen Modell gefahren, Janina hat es gut gefallen, natürlich, sie musste sich nicht so anstrengen. Das einzig Schlechte ist, dass dieses Tandem drei tausend Euro kostet, etwas mehr als fünftausend Real, davon kann man in Brasilien ein Motorrad kaufen.
Es ist sehr schön, in Europa Fahrrad zu fahren, besonders in Deutschland, wo im Verkehr wirklich immer der Vorfahrt bekommt, der Vorfahrt hat. Wenn sich hier ein Fußgänger dem Zebrastreifen nähert, halten Autofahrer sofort an. Wenn der Fußgänger aber versucht, eine Straße irgendwo zu überqueren, wo es keinen Zebrastreifen gibt, wird er meistens laut angehupt. Überhaupt ist Deutschland voller Regeln. Wer sie nicht einhält, wird von anderen zurecht gewiesen, Frucht von Erziehung und Tradition, obwohl es viele Ausländer gibt, die nach und nach ihre Kultur hereinbringen. Aber einige Verhaltensregeln sind noch sehr lebendig, z.B. dass der Schüler, wenn der Lehrer spricht, nur zuhört und nur redet, wenn er dazu die Erlaubnis hat. Dies erlebte ich im Deutschkurs in Augsburg, dort studierte ich einige Wochen bei einer sehr strengen, super traditionell eingestellten Lehrerin. Wenn jemand mit seinem Banknachbarn sprach, fixierte sie ihn mit riesigen Augen und machte ein Geräusch, als wolle sie Hühner vertreiben: „Schiiiii...", dabei guckte sie einen richtig hasserfüllt an. Wenn sie mich etwas fragte und ich dachte eine Weile nach, wartete sie, falls nötig, den ganzen Tag. Aber wenn jemand die Unverschämtheit besaß an meiner Stelle zu antworten, schaute sie ihn furchtbar wütend an und fragte: „Heißt du etwa Edson?" Mit dieser Art des Unterrichts ist sie laut dem Inhaber der Schule die beste Lehrerin, die er hat. Ich habe einige Zeit versucht, es mit ihr auszuhalten, es hat nicht geklappt und ich habe die Klasse gewechselt. Einige Zeit später blieb erneut nur die Möglichkeit, in ihrer Klasse zu studieren. Ich probierte es wieder, ohne Erfolg, sie ist wirklich unmöglich, eine Plage. Zum Glück sind die Deutschen allgemein nicht so.
In ganz Deutschland gibt es Radwege, und wo nicht, wird auf Radfahrer Rücksicht genommen, ein Respekt, den Fahrradfahrer in Lateinamerika nicht erwarten können. Das Gesetz lautet hier, dass alle Fahrräder vorn ein Licht und hinten ein rotes Rücklicht sowie einen Rückstrahler der entsprechenden Farbe haben müssen. Eines Abends war ich mit Janina abends mit dem Fahrrad unterwegs. Es wurde schon dunkel und erst nach einigen Metern erinnerte ich mich, dass ich die Lampen vergessen hatte, also fuhren wir schnell zurück, um sie zu holen. Obwohl hier immer wenig Polizei auf den Straßen unterwegs ist, erschien zu meinem Pech genau in diesem Moment ein Streifenwagen und folgte mir. Als ich vor unserem Haus anhielt, hielt der Wagen ebenfalls, zwei Polizisten saßen darin. Einer grüßte mich höflich im hiesigen Dialekt: „Grüß Gott! Haben Sie kein Licht an Ihrem Fahrrad?" „Doch, doch" antwortete ich erschreckt. Ziemlich nervös erklärte ich, dass ich es vergessen hätte und gerade zurückgefahren sei, um die Lampen zu holen. Ich fügte hinzu, dass meine Freundin auch schon käme, worauf sie sich gleich umschauten, ob sie auch wirklich kam. Der Polizist sagte: „Alles klar." Dann fuhren die beiden weiter. Für mich war das ein echter Schock, vor allem, weil wegen solcher simplen Sachen in Brasilien die Polizei niemand aufhalten würde. Aber hier gibt es fast keine Banditen, die Polizei kümmert sich tatsächlich um kleine Dinge, um stets die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Es ist ein Land, wo die Menschen freier sind, wenn man es mit einigen Situationen in Brasilien vergleicht. Die Menschen können zu jeder Tages- und Nachtstunde herumlaufen ohne Angst haben zu müssen, überfallen zu werden. Frauen bewegen sich völlig sicher in den Straßen oder auf kleinen Wegen. Ich gebe zu, dass ich zum ersten Mal wirklich neidisch auf etwas war, was ich daheim nicht habe: Öffentliche Sicherheit. Das Interessante ist, dass es sich dabei nicht um etwas handelt, wofür man sehr viel Geld braucht. Man braucht lediglich den politischen Willen. In Brasilien ist es genau umgekehrt: Es wird viel Geld ausgegeben und es fehlt am guten Willen der Politik.
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