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Albanien (Edson, 14.07.2011) Als wir im Hafen in Bari waren, dachten wir, dass Italien endlich schon vorbei war. Aber wir haben nicht gewusst, dass es noch ein Theaterstueck gab. Die Arbeiter haben über unseren Tandem diskutiert. Das Problem war, sie waren nicht sicher, wo genau unserer Eingang war. Nach einer langen Diskussion mussten wir warten. Danach hat einer von denen uns gezeigt, wohin wir gehen mussten. Aber eine dumme und anstrengende Frau hat nein gesagt. "Sie müssen zurückfahren und ein anderes Tor suchen." Janina hat gesagt, dass es dort sein muss. “Ihr Kollege hat uns gezeigt, dass es hier ist.” Dann kam er und sagte, euer Eingang ist hier und fertig. Am nächsten Tag sind wir in Albanien angekommen. Wir hatten keine Ahnung, was uns dort erwartet. Zuerst mussten wir lang warten, bis fast die ganzen Autos und LKW aus der Faehre rausgefahren sind. Danach konnte ich das Tandem holen. Die Passagiere, die Polizei, alle haben und neugierig geschaut. Was für ein Fahrrad? Bei der Grenzpolizei konnte keener Englisch und die Polizistin hat etwas gesagt, das wir nicht verstanden haben und hat ein Papier aus Janinas Hand genommen und hat gelesen und gelacht. Das lustige Papier waren ein paar Sätze, die ich geschrieben habe. Ich habe sie aus dem Internet geholt, z.B. wie man auf Albanisch grüssen kann. Mit den Stempeln in unseren Reisepaessen fuhren wir los. Eine kurze Pause für das Frühstueck und danach haben wir ohne große Probleme die Autobahn gefunden. Die Leute in Albanien sind froh und nett, viele haben uns gegrüsst, egal ob sie zu Fuss oder mit dem Auto unterwegs waren. Wir haben keine Wörter auf Albanisch gelernt und das lustige Papier musste weg. In der Hauptstadt suchten wir die Ausfahrt nach Albasan und ein Junge hat uns angeschaut und kam zu uns. Was sucht ihr, hat er auf Englisch gefragt. Dann ging er mit uns und hat uns die richtige Straße gezeigt. Auf dem Weg erzählte er, dass er keine Familie hat und in einer Jugendgruppe lebt und als Parkwächter von einem Casino arbeitet. Die Leute haben ein einfaches Leben und viele verkaufen Obst und Gemüse neben der Straße. Lustig war, als wir Nektarinen gekauft haben. Der alte Mann kann kein Englisch, dann hat Janina gesagt: “Ich gebe ihm viel Geld und wir schauen was passieren wird.” Der Mann hat nein und nein gesagt. Janina dachte, dass er viel mehr wollte. Aber er hat nur auf 100 Leke gezeigt. Janina hat sie ihm gegeben und er hat die Münze mit dem Finger in der Mitte geteilt. Janina hat ihm 50 Leke gegeben und er war zufrieden. Es gibt in Albanien viele Berge, deswegen ist es anstrengend zu fahren. Aber es lohnt sich wenn man ganz oben ist, weil die Landschaft sehr schön ist. Wir waren nur drei Tage in Albanien, aber wir konnten es sehr genießen.
Mazedonien (Janina, 10.07.2011) Wie wir aus den eindrücklichen Gesten eines Mannes entnehmen konnten, den wir am Tag vorher nach dem Weg gefragt hatten, liegt die Grenze zwischen Albanien und Mazedonien auf einem hohen Pass. Genauergesagt auf 1200 Metern. Die Serpentinenstraße dorthin ist klug angelegt, in etwa 1 ½ Stunden schieben wir das Tandem rauf. An Fahren ist natürlich nicht zu denken, aber wir wundern uns trotzdem nach jeder Kurve, wie weit wir es schon geschafft haben. Auf albanischer Seite im letzten Dorf wollen offenbar alle Einwohner ihr Geld mit Autowaschen verdienen, was sie kurioserweise dadurch ankündigen, dass sie Wasser ihn hohem Bogen aus den Schläuchen auf die Straße spritzen. Ganz oben am Berg dann noch einige Überbleibsel des Krieges, Betonbunker und ähnliche Konstruktionen. Die Grenzkontrolle an sich ist schnell erledigt. Wir sehen zwei Engländer in heftiger Diskussion mit den Beamten und erinnern uns, wie schwierig es mit dem Motorrad an Grenzen ist, das ist mit dem Fahrrad schon deutlich problemloser. In der ersten Stadt hinter der Grenze tauschen wir die albanischen Lek in mazedonische Denar, dann geht es am herrlichen Orid-See entlang Richtung Skopje. Kaum einmal in die Pedale getreten, da geht es schon wieder bergauf. Steil bergauf. Lange bergauf. Besonders mühsam ist für uns, dass es hier, ganz anders als in Albanien, nirgends Restaurants oder Kiosks am Straßenrand gibt. Unser Wasser geht zur Neige, wir befinden uns im Niemandsland und der Pass will einfach nicht in Sicht kommen... Irgendwann geht es dann aber doch endlich bergab und ein kleiner Brunnen rettet uns vor dem Verdursten. Wir füllen unseren Faltkanister, auf dem Weg nach unten wollen wir nach einer Möglichkeit zum Campen suchen. Wir müssen dann aber noch durch die nächste Stadt und einige Kilometer weiter fahren, bis es ein Fleckchen gibt, mit dem Edson einverstanden ist. Das bedeutet für ihn viel Arbeit, denn da ich mit dem Kanister auf den Beinen nicht treten kann, muss er allein mich plus 10 Kilo Wasser vorwärtsschaffen. Wir liegen etwa ½ Stunde im Zelt, als uns ein gruseliger Ruf weckt, ganz in unserer Nähe. „Wuhu!“ Ein Hund? Ein Fuchs? Eine Wildkatze? Es wuhut mehrmals um unser Zelt, dann entfernt es sich rasch. „Nur ein Käuzchen“ schließen wir und atmen auf, so schnell könnte kein Tier sich am Boden bewegen. Nächster Tag, neuer Pass. Wer sein Rad liebt, der schiebt.. Problematisch ist, dass Edson inzwischen wieder ernste Schmerzen in der Schulter hat, die Anstrengung ist zu groß. Auf dem Weg nach unten überholt uns ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Skopje. Er ist schon mit dem Fahrrad von Berlin nach Skopje gefahren und begeistert sich für unser Tandem. Seine Einladung, am Abend in der deutschen Botschaft das Spiel der Deutschen bei der Frauenfußball-WM zu gucken, freut uns und die Auskunft, dass es nun bis Skopje nur bergab geht, mindestens so sehr. Nach der Ankunft in der mazedonischen Hauptstadt müssen wir leider feststellen, dass die Hotels ungefähr so teuer sind wie in Italien. Wir rufen den Herrn Botschafter an in der Hoffnung, dass er uns vielleicht eine günstige Möglichkeit zum Übernachten verschaffen kann, aber er beschreibt auch nur den Weg zu einem Hotel, das 55 Euro pro Nacht kostet und fügt auch gleich noch hinzu, dass die Bratwurst beim Fußballspielgucken bezahlt werden muss. Wir wissen ja nicht, was er so ausgibt, wenn er per Fahrrad unterwegs ist, aber unsere Vorstellung von einer Einladung ist doch irgendwie etwas anders. Edson, der mit Maßstäben brasilianischer Gastfreundschaft misst, ist ernsthaft empört. Das hätte der Herr echt ein bisschen geschickter anfangen können, dann wäre es nett rübergekommen. Hotel teuer heißt: Am nächsten Tag weiter. Tschüss Skopje, ein kurzer Blick auf die Festung und die nagelneue Statue Alexander des Großen müssen genügen. Edson hatte gehofft, hier etwas mehr über diesen großen Feldherrn zu finden, aber dank Recherche im Internet wissen wir inzwischen, dass die Stadt, in der er geboren wurde, heute in Griechenland liegt. Interessantes Detail zur Statue: Nicht weit von ihr versammeln sich in Skopje täglich Menschen, um für mehr Demokratie, Rechtstaatlichkeit und Integration in Mazedonien zu demonstrieren. Ihre Leitfigur ist ein junger Mann, der vom Leibwächter des Präsidenten zu Tode geprügelt wurde, als er diesem zu seiner Wiederwahl gratulieren wollte. Hoffentlich haben sie mit ihren Aktionen Erfolg. Der Weg von Skopje Richtung Grenze führt durch wunderschöne Berglandschaft. Berg. Berg. Weite Strecken sehen wir nur wenige Menschen, sie hüten in der Ferne einige Ziegen oder eine Kuh, arbeiten mit Hacke oder Pferdekarren auf den Feldern. Wir sind froh, ab und an einen kleinen Laden zu finden, touristische Infrastruktur gibt es keine. Berg. Edson geht es nicht besonders gut, wir wollen früh anhalten. In der kleinen Stadt, in der wir landen, gibt es fast alles, nur kein Hotel. Wir fragen uns durch, schieben das Tandem einen weiteren steilen Berg hoch, nur um oben festzustellen, dass das versprochene Hotel gerade renoviert wird. Gerade haben wir uns mit dem Gedanken abgefunden, dass dieser einstündige Umweg umsonst war und wir weiter in die Pedale treten müssen, da ragt das rosafarbene Hotel Satelit vor uns auf. Gerettet! Halbwegs erholt starten wir zur letzten Mazedonienetappe. Berg. Berg. Auch an diesem Abend schlafen wir im einzigen Hotel der Stadt bzw. an deren Ausfallstraße Richtung Grenze. Am nächsten Morgen stehen wir sehr früh auf, denn wir wollen nun endlich nach Bulgarien und wissen ja, was uns vorher erwartet. ..Na? Genau, ein Berg. Wir warten ewig auf unser Frühstück, am Abend vorher war hier Party (mit Musik in entsprechender Lautstärke, juhu) und das Pärchen, das das Restaurant betreut, ist noch mit Aufräumen beschäftigt. Derweil macht sich die Besitzerin des Hotels am Nebentisch offensichtlich über Edsons Frisur lustig, tolles Benehmen, wirklich. Wie auch immer, kurz nach elf rollen wir bergab nach Bulgarien hinein. Man merkt schon, dass die Grenzbeamten hier etwas schärfer hinschauen, EU- Außengrenze. Aber unseren Verhau aus Taschen und Plastiktüten zu durchsuchen, darauf verzichten sie. „Habt ihr was zu verzollen?“ fragt der Grenzer und winkt gleich selber ab: „Only personal belongings“ beantwortet er seine eigene Frage und lässt uns ziehen.
Bulgarien (Janina, 21.07.2011) Dieses Land ist ein bisschen größer und die Skala auf der Landkarte ebenfalls, nur die Berge sind genauso hoch wie in Albanien und Mazedonien. Wieder sind viele steile Anstiege zu bewältigen. Die Landschaft ist wunderschön, oft einsam und von einfacher Landwirtschaft geprägt. Am ersten Abend kommen wir schon reichlich k.o. in einer Kleinstadt an, ein etwa 14jähriges Mädchen und ihr Bruder begleiten uns auf ihren Fahrrädern zum einzigen Hotel der Stadt. „It's not a very nice hotel..“ kündigt das Mädchen vorsichtig an. Was sich als ziemlich wahr herausstellt. Ein Plattenbau aus kommunistischen Glanzzeiten, an dem seit Ewigkeiten nichts renoviert wurde. Der Teppichboden ist unbeschreiblich, der Balkon wegen Absturzgefahr mit dem Bett versperrt, die Möbel Altholz der Sorte Sondermüll. Aber was will man machen, noch 30 Kilometer schaffen wir heute auf keinen Fall und wenigstens ist der Graus spottbillig. Am nächsten Tag schaffen wir es nach Sofia. Auch hier Hotel Plattenbau, diesmal aber renoviert. Auf unserer Reise durch Bulgarien lernen wir noch eine Menge dieser Schönheiten kennen. Wie überhaupt die Innenstädte überwiegend aus Bauwerken aus kommunistischer Zeit bestehen. Einige wenige sind renoviert, viele stehen komplett oder teilweise leer. Es ist wenig los in diesen Zentren, es herrscht eine Atmosphäre des Verfalls und des Stillstands. In den Städten finden sich einige große Supermärkte, in den Dörfern gibt es kaum mal einen Laden. Wir fragen uns verwundert: Will hier keiner was verkaufen? In Sofia ist natürlich einiges los, aber verglichen mit anderen europäischen Hauptstädten wirkt es wie ein freundliches Provinzstädtchen. Rund um die Fußgängerzone wird fleißig gebaut, weswegen wir auf unserem Spaziergang viele Bauzäune und nicht so viele Monumente sehen. An der Kathedrale irritiert mich etwas, dass sie völlig anders aussieht als auf den Fotos, die ich kenne. Na gut, manchmal ist es eben doch besser, das Original zu sehen! Von Sofia aus fahren wir Richtung Gabrovo. Wir suchen die kleinen Nebenstraßen, hier sind kaum Autos unterwegs, Natur pur. Der Nachteil ist, dass es nur sehr wenig Straßenschilder gibt, manchmal nicht mal Leute, die wir nach dem Weg fragen können. Einmal sind wir schon relativ weit oben, als wir uns entschließen, rechts abzubiegen, um erneut die Autobahn zu treffen, an der wir uns bis jetzt immer orientiert haben. Es geht in herrlichen Kurven bergab in ein weites Tal- nur von der Autobahn keine Spur. Und wenn wir auf das Navi schauen, dann ist unsere Position hier relativ weit weg von dem Weg, den wir nehmen wollten. Oh, oh! Edson hält ein Auto an, einer der Glücksfälle, bei denen wir auf jemanden treffen, der sehr gut Englisch spricht. „Wo wollt ihr hin?“ fragt er und auf meine Erklärung hin: „Ok, und wieso seid ihr dann hier?“ Es kommt wie es kommen muss, wir schieben das Fahrrad zwar nicht genau auf dem gleichen Weg aber über den gleichen Berg zurück und treffen knapp 2 Stunden später auf die Straße, auf der wir eigentlich fahren wollten. Sch....! Auch am nächsten Tag verfahren wir uns ziemlich. In einer Gegend, in der es nur sehr sehr sehr wenig Infrastruktur gibt, fällt das Mittagessen in der Nähe eines Stausees mehr als mager aus. Abends finden wir partout keinen Platz zum Campen, die Landschaft ist hier viel zu offen, außerdem arbeiten auch abends um halb neun immer noch Leute auf den Feldern. Völlig ausgepumpt erreichen wir ein Dorf, das ich auf der Karte finde- natürlich abseits der Route, auf der wir dachten, dass wir uns befinden. Wir fragen ein altes Ehepaar nach dem Weg, die in ihrem Hof in einem riesigen schwarzen Kessel Suppe über dem offenen Feuer kochen. Mühsam nach Worten ringend beginnt der Herr mit mir Französisch zu reden, beide sind sehr besorgt. Ein weiterer Mann kommt dazu und fragt woher wir kommen. Wir werden zu einer Frau gebracht, die einige Häuser weiter wohnt, sie lebt in Deutschland. Nun ist es einfach, unsere Situation zu erklären. Auf die Frage, ob wir hier irgendwo zelten können, schlägt sie uns den Hinterhof der Grundschule vor. Zwar ist es nach ihrer Auskunft nicht mehr weit bis in eine Stadt, in der es Hotels gibt, aber es ist inzwischen halb zehn und wir wollen einfach nur essen und schlafen. Kein schlechter Zeltplatz, aber es ist doch die ganze Nacht irgendwas los hier im Dorf. Am nächsten Tag sind es nur 40 Kilometer bis Gabrovo, aber die sind einfach nur fürchterlich und scheinen nie zu Ende zu gehen. Noch nie war ich so froh, endlich ein Hotelzimmer zu haben und mich ausstrecken zu können. Gaborovo ist die Stadt aus der die Familie von Dilma kommt, der aktuellen brasilianischen Präsidentin. Im städtischen Museum ist die Führerin untröstlich, dass sie dem brasilianischen Besucher nichts bieten kann, aber die Ausstellung über Familie Rousseff wird erst im Oktober eröffnet. Wir besuchen das ethnografische Museumsdorf, wo das Leben im ländlichen Bulgarien vor der Industrialisierung sehr lebendig dargestellt wird. Von Gabrovo brauchen wir noch zwei Tage bis zur türkischen Grenze.
Istanbul (Janina, 28.07.2011) Das Gebiet, auf dem sich die bulgarisch-türkischen Grenzbauten erstrecken, ist riesig und wir brauchen mit allen Pass- und Zollkontrollen eine knappe Stunde, bis wir endlich sagen können „Juhu, wir sind drin in der Türkei!“. In Edirne, der ersten Stadt hinter der Grenze, erleiden wir fast so etwas wie einen Kulturschock: Eine liebevoll geschmückte Fußgängerzone, Geschäfte ohne Ende, jede Menge Menschen auf der Straße, quirliges Leben. Edson bekommt Reis zum Mittagessen. Schon nach wenigen Stunden ist entschieden: Wir mögen die Türkei. Die Straße Richtung Istanbul wird gerade 4spurig ausgebaut, wobei die eine Richtung bereits geteert aber noch nicht in Benutz ist. Kommt uns gerade recht. Auf dem „breitesten Fahrradweg der Welt“ fühlen wir uns wie die Könige der Straße. Viel Zeit kosten die endlosen Hügelketten, die hier die Landschaft prägen. Rauf schieben, runter sausen, rauf schieben.. Zwei Übernachtungen in preiswerten, aber stickigen Stadthotels brauchen wir, bevor wir Istanbul erreichen. Von der Stadt sehen wir als erstes die Smogglocke. Dann Autos. Autos, Autos und nichts mehr vor lauter Autos. Aus 4 Spuren werden 8, dann 10, dann verliere ich den Überblick. Bergab, bergauf, die Blechlawine schiebt sich an uns vorbei, alle hupen uns zu, lachen, finden es lustig- wir nicht ganz so. Kurz bevor wir in dieses Chaos hinein geraten sind, haben wir 3 Jungs aus Schottland getroffen, die ebenfalls heute mit dem Fahrrad nach Istanbul hinein wollen. Von ihnen bekommen wir nun bei einem erneuten Stop die Info, dass am Meer entlang eine offenbar kleinere Landstraße ins Zentrum führt. Tatsache wahr, wenige Minuten später haben wir das Inferno hinter uns gelassen, bekommen wieder Luft und ruhen unsere Ohren aus. Ein endlos langer Park zieht sich am Wasser entlang, es gibt einen Fahrradweg, jawohl! Viele Leute machen Picknick oder grillen, sitzen auf ihren Teppichen und trinken Tee. An einer Ampel schon ziemlich im Zentrum holen wir die Schotten erneut ein. Sie nehmen uns mit bis in den historischen Stadtkern, wo die Hostels sind. Die Jungs entscheiden sich, auf dem Dach eines solchen zu nächtigen, aber ein Blick auf die Szenerie zeigt mir, dass wir hier weder Privatsphäre noch Ruhe haben werden. Wir werden in einem Wohnhaus in einer Art WG-Zimmer einquartiert, alles Marke sehr simpel, aber es ist spät und viele Hotels sind schon voll. Am nächsten Tag ziehen wir in das Hostel gegenüber um. Istanbul ist eine riesige, quirlige und unglaublich bunte Stadt. Mich beeindruckt vor allem immer wieder die Mischung der Kulturen und die offene, freundliche Art der Menschen. Jeder versucht, den Touristen etwas zu verkaufen, aber selten habe ich das Gefühl, dass uns jemand absichtlich übers Ohr hauen will. Trotzdem sind in der Altstadt die Restaurants natürlich nicht gerade preiswert und in den Minimarkets gibt es nur sehr geringe- und teure- Auswahl an Gerichten, die für unseren Alkoholkocher geeignet sind. Nach dem dritten Abend Nudeln mit roten Bohnen beginnt mich dieses „Mickey-Mouse-Land“ im historischen Zentrum zu nerven. Zeit für die Fähre! Da wir auf der Busrundfahrt gesehen haben, dass die Brücke nach Asien für Fahrräder gesperrt ist, wollen wir Istanbul mit dem Schiff verlassen. Da scheitern wir erstmal an der Gepäckkontrolle. Der uns gewiesene Weg führt nämlich durch eines dieser Tore mit Metalldetektor und da passt unser LKW definitiv nicht durch. Nachdem die Dame an der Kontrolle uns stereotyp ungefähr 10mal aufgefordert hat unser Gepäck abzuladen und versichert, das Fahrrad wäre kein Problem (Kein Problem ist nett, aber es passt da nicht durch, verdammt noch mal!!), winkt sie mich auf die andere Seite, zeigt wahllos in eine Menschenmenge und sagt: „Information!“ Aha. Der schließlich gefundene Mensch mit Information winkt mich zum Ticketschalter, wo ich dann tatsächlich mit jemand spreche, der kapiert, was wir wollen und uns eine Fahrkarte für das Nachmittagsschiff verkauft, das hat nämlich eine Garage um Autos und so weiter mitzunehmen. Schlaauu! Wir verbringen einen gemütlichen Tag im Park am Meer. Leute kommen vorbei, schauen, überreden ihre Kinder mit uns Englisch zu sprechen, schenken uns Essen. Vor der Abfahrt dann noch eine ähnlich fruchtbare Diskussion wie die am morgen mit einem Einweiser, der findet, dass wir nicht in der Autoschlange stehen sollen, sondern bei den Fußgängern durchgehen. Danke, den Eingang kennen wir. Als er sich kurz umdreht, reihen wir uns eilig zwischen den Autos ein. Sein Kollege breitet nur die Arme aus und grinst uns an.. Unser Gefährt zu verstauen, ist eben immer eine Aufgabe für sich!
Von Istanbul nach Izmir (Edson, 30.08.2011) Mit dem Fahrrad darf man die Brücke Istanbuls nicht überqueren, dann lieber mit dem Boot direkt nach Bandirma. Circa zwei Stunden hat die Fahrt gedauert. Wir waren relativ früh im Hafen, aber als wir ausgestiegen sind, war es schon sehr spät. Aber zu dieser Jahreszeit kommt der Sonnenuntergang in Europa erst gegen 21:00 Uhr. Es war kühl, deswegen haben wir beschlossen, dass wir wegfahren sollen. Wir wollten ungefähr 28km bis zur nächsten Stadt fahren und dort schlafen. Aber es stimmte nicht, was unsere Karte gezeigt hat. Es waren sicher mehr als 28km. Dann hat Janina mir gesagt, dass wir an einer Tankstelle fragen sollten, ob wir dort schlafen können. Das haben wir gemacht. Wir können kein Wort Türkisch und dort konnte keiner Englisch. Aber die Kommunikation war ziemlich lustig und wir haben es geschafft. Sie haben ok gesagt und ein Junge und ein Mädchen, die dort waren, haben uns unser Zelt aufbauen geholfen. Die Kinder konnten schon auf Englisch fragen „Wie heißt du?“ Alle zwei Minuten hat er mich gefragt. „Wie heißt du?“ und hat geschrien: „Edsooooon!“ Der Junge hat viele Fotos von uns mit seinem Handy gemacht. Er hat sein Wörterbuch Türkisch- Englisch geholt und hat einfach gestikuliert und das Schlüsselwort gezeigt. Am nächsten Tag fuhren wir bis Lapseki. Interessant war, dass wir dort im Hotel die ersten Gäste waren, es gab sogar einen Fotografen, der auf den ersten Gast gewartet hat. Nachdem wir viele Berge erklommen haben, sind wir endlich in Canakkale angekommen. Dort gibt es ein Pferd aus Holz, das in dem Film Troja benutzt wurde. Troja selbst ist eine wichtige Ruine, aber nicht schön, finde ich. Obwohl es keine Berge gibt, hat man ein gutes Panorama von der Landschaft. Die Archäologen meinen, dass dort die Kämpfe passiert sind. Am nächsten Tag fuhren wir über die kleine Landstraße an der Küste. Wir haben interessante Sachen gesehen. In jedem Dorf sieht man viele Männer im Schatten sitzen, die Domino oder ein anderes Spiel spielen. Zuerst dachte ich, dass es in der Türkei mehr Männer als Frauen gibt. Aber man muss einfach aus der Stadt herausfahren, damit man versteht, wie das Leben in der Türkei funktioniert. Die armen Frauen arbeiten intensiver auf dem Land und die Männer bleiben bei ihren Kollegen. Ich habe gesagt, in einer solchen Situation in Brasilien würden sich die Frauen bestimmt einen Geliebten suchen. Aber das Schlimmste erwartete uns noch. Es gab Bauarbeiten und der Asphalt war noch ziemlich feucht. Der Boden war unter den Reifen wie ein Kleber und kleine Steine klebten und wurden auf das Fahrrad geworfen. So schrecklich war die Fahrt bis Assos, da kamen wir um 22:00 Uhr an. Janina fühlte sich sehr schlecht, so dass sie sich nicht einmal für die Ruine interessiert hat. Nach Burhaniye dachten wir, dass es über 20km wären, weil in der Mitte ein Naturpark liegt, durch den es auf der Karte keine Landstraße gibt. Dann haben wir eine kleine Pause an einer Tankstelle gemacht und sofort kam ein Mann zu uns und fragte, wohin wir fahren. Als wir es gesagt haben, ist er erschrocken und ist ins Büro gegangen und holte sein Handy. Er hat uns auf der Karte gezeigt, dass wir zurückfahren sollten und über die kleine Straße fahren. Das waren nur 6km. Wieder ein netter Türke, der uns geholfen hat. Schon in Dikili wartete ich auf Janina, sie schaute die Hotels an. Ein Mann fuhr vorbei und „Hi“ gesagt und ich habe „Hallo“ gesagt. „Ah, kannst du Deutsch?“ fragte er. „Ja“, sagte ich. „Brauchst du Hilfe?“ „Nein danke, es ist alles ok.“ „Ok, aber wenn du Hilfe brauchst, ich helfe dir.“ Während er mit mir geredet hat, vergrößerte sich langsam die Autoschlange hinter ihm. Aber keiner hat gehupt. Im Verkehr sind die Türken netter als die Deutschen. Janina fühlte sich wirklich sehr schlecht. Die Entscheidung war, dass wir so schnell wie möglich nach Deutschland zurückkehren mussten. Wir suchten ein Boot von Izmir nach Italien, aber das gab es nicht. Die bessere Möglichkeit war mit dem Flugzeug. Zu unserer Überraschung war es viel billiger per Flugzeug von Izmir nach München über Istanbul, als mit dem Schiff von Cesme nach Venedig, was außerdem viel stressiger wäre, weil wir von Athen bis Patras in die Pedale treten müssten. Am Flughafen kauften wir die Tickets mit Fahrrad und allem, es ging sehr schnell und relativ einfach. Janina fuhr mit dem Taxi vom Flughafen los, um Pappe zu suchen, um das Fahrrad einzupacken. Als wir schon im Flugzeug saßen, sah Janina, wie das Fahrrad gerade eingeladen wurde, wir haben uns gefreut, klar. Alles ging schnell, aber das Schlimmste kam noch. Als wir ausstiegen und unser liebes Tandem, wie immer Janina sagt, suchten, fanden wir es auf den Boden geworfen, die Verpackung zerrissen, die Luftpumpe irgendwo daneben. Na gut, es war angekommen. Nur dass ich Minuten später, als ich ein paar Brasilianern, die auch am Flughafen waren, das Tandem zeigen wollte, merkte, dass der Vordersitz nicht mehr da war. Wir waren sehr traurig, wütend, enttäuscht. Janina beschwerte sich bei den Flughafenmitarbeitern, aber die sagten, es wäre spät und man müsse bis morgen warten. Sie gaben uns eine Telefonnummer, unter der am nächsten Tag niemand hörte, erst Nachmittags ging jemand dran und sagte, wir müssten zurück zum Flughafen kommen. Als wir ankamen, sagte man uns, jetzt wäre es zu spät und wir hätten schon beim Aussteigen reklamieren müssen. Es war ein bisschen ähnlich wie in Brasilien, wo manche Leute es mögen, andere zum Clown zu machen. Wir machten, was noch zu machen war und warten auf Antwort, einen Anruf, einen Brief, bis jetzt ist nichts passiert und nur Gott weiß ob wir noch irgendwann Nachricht bekommen.
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